Man muss früh aufstehen, um am Morgen des 16. Mai den Hauch eines kosmischen Lichtspiels zu erleben: Um 4.28 Uhr tritt der Vollmond in den Kernschatten der Erde und beginnt, sich behutsam zu verdunkeln. Eine Finsternis im klassischen Sinne wird über Mitteleuropa leider nicht daraus, denn zu dieser Uhrzeit bricht die Dämmerung an. Wenn die Sonne im Süden Deutschlands gut eine Stunde später im Osten aufgeht, sinkt der Mond im Westen unter den Horizont - und da hat die Totalität um 5.29 Uhr gerade erst begonnen. Beobachter in Nord- und Südamerika hingegen kommen in den vollen Genuss des Spektakels. Aber was passiert dabei eigentlich? Die Erde wirft einen nahezu 1,4 Millionen Kilometer langen Schatten in den Weltraum. Der Mond umrundet unseren Planeten im Abstand von durchschnittlich 384 400 Kilometern, läuft also innerhalb dieses Schattens. Damit er ihn wirklich trifft, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein. Erstens muss die Erde genau zwischen Sonne und Mond stehen, das heißt Vollmond sein. Aber nicht bei jedem Vollmond ereignet sich eine Finsternis, denn die Bahnen von Mond und Erde sind gegeneinander leicht gekippt; daher zieht der Trabant meist ober- oder unterhalb des Erdschattens vorüber. Als zweite Bedingung müssen Sonne, Erde und Mond auf einer Linie stehen. Gelegentlich taucht der Mond nur teilweise in den Erdschatten, dann spricht man von einer partiellen Finsternis. Übrigens verschwindet der Mond auch während einer Totalität nie ganz von der Bildfläche, sondern schimmert als "Blutmond" in kupferfarbenem Licht.
Sterne und Sternbilder: Im Nordwesten funkeln die Zwillinge Pollux und Kastor sowie Kapella im Fuhrmann, im Nordosten leuchten Deneb im Schwan und Wega in der Leier. Hoch im Norden steht der Große Wagen mit aufgerichteter Deichsel. Den Südhimmel dominieren die Bilder Bootes, Jungfrau und Löwe mit ihren hellen Sternen Arktur, Spika und Regulus. Hoch im Südosten schimmert Herkules, tief am Horizont blinkt der rötliche Antares im Skorpion. Planeten, Mond, Meteore: Merkur erscheint in den ersten Maitagen noch in der Abenddämmerung knapp über dem Nordwesthorizont. Venus glänzt vor Sonnenaufgang hell im Osten. Mars wandert vom Wassermann in die Fische, in denen sich auch Jupiter aufhält. Die drei Planeten schmücken zusammen mit Saturn im Steinbock das morgendliche Firmament. Erstes Viertel ist am 9., Vollmond am 16., letztes Viertel am 22. und Neumond am 30. Mai. In den Morgenstunden des 6. Mai könnten stündlich bis zu 50 Sternschnuppen der Eta-Aquariden über den Himmel flitzen, die Brösel sind vom berühmten Kometen Halley abgesplittert.
Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 2. Mai 2022